Mehr Stabilität durch Begrenzung wirtschaftlicher Ungleichgewichte
Eine der wesentlichen Ursachen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise sind wirtschaftliche Ungleichgewichte. Im Fokus stehen vor allem die hohen Salden der Leistungsbilanzen. Dabei sind diese nicht per se ein Problem. Mit der scharfen Wirtschaftskrise sind diese Salden zwar wieder etwas gesunken. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass sie bei einer fortschreitenden Konjunkturerholung wieder zunehmen werden.
Der mit einem Leistungsbilanzdefizit verbundene Kapitalimport kann etwa zum Aufbau des Kapitalstocks einer Volkswirtschaft genutzt werden. Länder mit einem Leistungsbilanzüberschuss können hingegen Vermögen im Ausland bilden, das später als Einkommen ins Inland zurückfließen kann - etwa um den demographischen Wandel abzufedern.
Leistungsbilanzsalden - was ist das Problem?
Flexible Wechselkurse helfen im Normalfall bei einem Abbau von Leistungsbilanzsalden: Die Währung eines Überschusslandes wertet auf - Importe werden billiger, Exporte teurer. Das relativiert Überschusstendenzen. Manche Schwellen- und rohstoffexportierende Länder schalten diesen Mechanismus aber seit einiger Zeit aus. China etwa hält durch den Kauf von US-Dollar auf den Devisenmärkten seinen Wechselkurs weitgehend konstant. Ein Nebeneffekt: Mit den Devisenmarktinterventionen entsteht zusätzliche Liquidität. Für die Weltwirtschaft wirkt dies ähnlich wie eine Leitzinssenkung Über diesen Nebeneffekt hinaus sind jedoch vor allem zwei Problemfelder erkennbar:
- Leistungsbilanzdefizite gelten hauptsächlich deshalb als dauerhaft nicht tragfähig, weil die zu ihrer Finanzierung erforderlichen Kapitalimporte zu einer wachsenden Auslandsverschuldung des betroffenen Landes führen. Sollte die Rückzahlung der Auslandsverschuldung in Zweifel gezogen werden - etwa weil sich zeigt, dass das zugeflossene Kapital weniger rentabel eingesetzt wurde als erwartet -, kann es zu einer Flucht aus der betroffenen Währung und damit zu einer „ungeordneten“ Anpassung und zu Finanzmarktturbulenzen kommen.
- Hohe und lang anhaltende Salden in der Leistungsbilanz können Verzerrungen bei den Kapitalströmen hervorrufen, vor allem dann, wenn sie mit umfangreichen Devisenmarktinterventionen - also politisch festgelegten Wechselkursen - einhergehen. Fehllenkungen von Sparkapital und Vermögenspreisblasen sind mögliche Folgen.
Insbesondere China hält durch den permanenten Aufkauf von US-Dollar seinen Wechselkurs gegenüber der US-Währung auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Einen Großteil der so entstandenen Währungsreserven hat die Volksrepublik vor allem vor Beginn der Krise in US-Staatsanleihen angelegt. Die starke Nachfrage nach diesen Papieren führte dazu, dass die langfristigen Zinsen in den USA selbst bei steigenden Leitzinsen von Mitte 2004 bis Mitte 2006 sehr niedrig blieben.
Den privaten Haushalten in den USA wurde es auf diese Weise leicht gemacht, ihre Verschuldung weiter zu erhöhen, und das Leistungsbilanzdefizit nahm in Folge weiter zu. Aufgrund der niedrigen Zinsen für US-Staatsanleihen wichen viele Investoren auf rentierlichere, aber auch risikoreichere Anlageformen aus, wodurch die Preise für Risiken sanken. Kurzum: Mit sehr niedrigen Zinsen, einer überaus reichlichen Liquidität und einer starken Ausweitung der Kreditvergabe war ein Nährboden geschaffen, der zu Übertreibungen an einzelnen Vermögensmärkten und schließlich zum Platzen der Immobilienpreisblase in den USA führte.
Leitlinien erforderlich
Fehlentwicklungen an den Kapitalmärkten sind in Zukunft vor allem durch größere Transparenz und bessere Regulierung zu minimieren. Hier werden derzeit verschiedene Ansatzpunkte diskutiert. Zur Unterstützung dieser Ansätze sind aber auch Maßnahmen erforderlich, die längerfristig nicht tragfähige Leistungsbilanzsalden sowie die damit verbundenen Risiken ungleichgewichtiger Kapitalflüsse und ungeordneter Anpassungsreaktionen reduzieren.
Hierzu bieten sich die folgenden wirtschaftspolitischen
Leitlinien an:
- Gehen hohe Leistungsbilanzüberschüsse mit einem fixen Wechselkurs einher, dann ist Wechselkursflexibilität anzustreben. Devisenmarktinterventionen sollten - zumindest längerfristig - Leistungsbilanzsalden nicht verstärken. Nicht nur aufgrund der wachsenden Gefahr von Wertverlusten des Auslandsvermögens wäre dies auch im Eigeninteresse der Länder mit einem Exportüberschuss.
- Länder mit einem hohen Leistungsbilanzdefizit und einer wachsenden Auslandsverschuldung müssen den Kapitalimport vorrangig für Investitionen und weniger für den Konsum nutzen. Eine sinkende Sparquote der privaten Haushalte wäre daher in dieser Situation eine unerwünschte Entwicklung. Führen die Investitionen zu einem stärkeren Wirtschaftswachstum, so kann das Leistungsbilanzdefizit tendenziell wieder sinken, vor allem wäre aber auf diesem Weg der Schuldendienst eher tragfähig.
- Länder mit einem hohen Leistungsbilanzdefizit sollten zudem die inländische Nachfrage nicht zusätzlich mit Haushaltsdefiziten anregen, sondern einen wirtschaftspolitischen Schwerpunkt auf eine überzeugende Haushaltskonsolidierung legen.
Die G20 diskutieren derzeit ein „Rahmenwerk für ein starkes, nachhaltiges und ausgewogenes Wirtschaftswachstum“. Erste Eckpunkte zu diesem Programm sollen zum Juni-Gipfel der G20 in Toronto vorgelegt werden. Gerade die genannten Leitlinien sollten in die Diskussion hierzu Eingang finden. Zu beachten ist dabei allerdings: Die wirtschaftspolitische Koordination ist schon innerhalb der EU schwierig, erst recht aber weltweit. Daher ist Realismus angesagt.
Der Fall Deutschland - Besonderheiten durch die Währungsunion
In der Debatte um makroökonomische Ungleichgewichte wird auch der hohe Leistungsbilanzüberschuss in Deutschland kritisiert. Oft werden dabei aber wichtige Besonderheiten übersehen. Im Unterschied zu vielen Schwellen- und Rohstoffexportländern wird der deutsche Leistungsbilanzüberschuss zunächst nicht durch Devisenmarktinterventionen, also einen künstlich - politisch - gestützten Wechselkurs begünstigt, sondern er ist primär das Ergebnis der hohen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen.
Zudem ist ein großer Teil des deutschen Exportsaldos auf den Handel innerhalb der Europäischen Währungsunion zurückzuführen. Der Euro-Raum insgesamt hatte gegenüber dem Rest der Welt in den letzten Jahren eine mehr oder weniger ausgeglichene Leistungsbilanz. Die Leistungsbilanzungleichgewichte innerhalb der Währungsunion zeigen dagegen die grundsätzlichen Schwierigkeiten in einer Währungsunion oder einem Fixkurssystem, wenn sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der beteiligten Länder zu lange unterschiedlich entwickelt. Eines muss dabei klar sein: Damit sich die Wettbewerbsposition des Euro-Raums nicht insgesamt verschlechtert, müssen die weniger wettbewerbsfähigen Euro-Staaten aufholen. Es kann nicht darum gehen, Deutschlands Wirtschaft „eine Bleiweste überzuziehen“.
Gleichwohl wäre es für die konjunkturelle Stabilität in Deutschland von Vorteil, die hohe Exportabhängigkeit zu reduzieren. Gleichzeitig sollten zudem Maßnahmen ergriffen werden, die die Binnennachfrage stärken. Mit vermeintlich „einfachen“ Rezepten ist dies aber nicht möglich: Übermäßige Lohnerhöhungen würden vor allem zu einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit führen und per saldo den privaten Konsum eher belasten, während kreditfinanzierte Steuersenkungen die Staatsverschuldung noch weiter gefährlich zuspitzen würden.
Hilfreich wären hingegen der Abbau von Regulierungen und Marktzugangsbarrieren im Dienstleistungssektor - etwa bei den freien Berufen -, der weitere Abbau der Arbeitslosigkeit sowie bessere Rahmenbedingungen für Investitionen. Dazu gehören vor allem auch Verbesserungen für die Bereiche Bildung sowie Forschung und Entwicklung. Insgesamt also ein Instrumentenbündel, das zuletzt auch die OECD in ihrem aktuellen Deutschland-Bericht empfohlen hat.
