Statement

Basel II und Rating in Deutschland: Wie beeinflusst ein Rating die Kreditentscheidung?

3. März 2010 - Es gilt das gesprochene Wort.


Markus Becker-Melching
Mitglied der Geschäftsführung, Bundesverband deutscher Banken

12. KfW Forum „Kreditrating – Ballast oder Startrampe für den Aufschwung?“
   
 
Sehr geehrte Damen und Herren,

Banken betrachten die Einschätzung der Bonität ihrer Kunden seit jeher als ihre Kernkompetenz. Die richtige Risikoeinschätzung entscheidet über Erfolg oder Misserfolg der Bank. Kreditentscheidungen zugunsten von Kunden, die später ausfallen, bedeuten Verluste; Kreditablehnungen gegenüber eigentlich guten Kunden bedeuten entgangene Geschäfte. Beides ist schlecht.

Genauso wichtig ist die richtige Bonitätseinschätzung aber für die Kunden – entscheidet sie doch über unternehmerische Gestaltungsspielräume und – gerade in der aktuellen Krise – oft sogar über die unternehmerische Existenz.

Kein Wunder also, dass das Rating ein zentrales Thema in der Diskussion um die Unternehmensfinanzierung in der Krise darstellt. In dieser Diskussion werden die Begriffe „Rating“ und „Basel II“ in der Regel als Synonym verwendet – dabei bezeichnen sie jedoch zwei verschiedene Bereiche.

„Basel II“ ist eine Sammlung von Regeln zur risikoorientierten Bemessung des bankaufsichtlichen Eigenkapitals. „Rating“ hingegen ist ein Prozess zur Ermittlung von Ausfallwahrscheinlichkeiten und damit eine wesentliche Voraussetzung für die Anwendung der Basel II-Regeln – also dafür, dass Eigenkapitalanforderungen risikoadäquat bemessen werden können.

Diese Form der Eigenkapitalberechnung wird als „Internal Rating Based Approach“ – IRBA – bezeichnet. Nach unseren Schätzungen ca. 60 % des Unternehmenskreditvolumens in Deutschland wird nach dem IRBA gesteuert. Die Mehrzahl der – gerade kleineren – Banken nutzen noch den an Basel I orientierten Standardansatz.

Fragen der Eigenkapitalbemessung sind in der aktuellen politischen Diskussion die brisanten Themenfelder. So wird zum Beispiel heftig diskutiert, welche Konsequenz es zum Beispiel hat, dass wir ja noch keinen vollständigen Konjunkturzyklus im neuen Basel-Regime durchlaufen haben, dass Basel II nie für eine Wirtschaftskrise, wie wir sie gerade durchleben, konzipiert war?

Ich möchte mich heute aber – aufgabengemäß – auf das Thema Rating – also die bankmäßige Bonitätseinschätzung – konzentrieren.

 

I. Rating und Ratingverfahren

 

Lassen Sie mich also zum ersten und dem zentralen Punkt meiner Ausführungen kommen, dem Rating und dem Ratingverfahren.

Ich fange mit einer Vorbemerkung an: Bankkredite sind und bleiben für den Mittelstand die wichtigste externe Finanzierungsquelle. In den letzten Jahren haben sich die Finanzierungsbedingungen allerdings grundlegend geändert. Alle Kreditinstitute haben komplexe Ratingverfahren eingeführt, um die Risiken ihrer Kunden besser beurteilen zu können. Basel II hat hier als Katalysator gewirkt.

Ziel: Abschätzung Kapitaldienstfähigkeit

Moderne Bonitätsratingverfahren zielen insbesondere darauf ab, die zukünftige Kapitaldienstfähigkeit eines Unternehmens zu beurteilen und die Kreditnehmer in Abhängigkeit von ihrer Ausfallwahrscheinlichkeit, der PD – Propability of Default – in Ratingklassen einzuteilen. Solche Verfahren müssen objektiviert und nachvollziehbar sein. Sie nutzen deshalb quantitative und mathematisch-statistische Methoden.

Zur Ermittlung der zukünftigen Kapitaldienstfähigkeit werden verschiedene Informationen, insbesondere die sogenannten „Hardfacts“ und die „Softfacts“, in den Ratingprozess einbezogen.

Unter den Begriff „Hardfacts“ fallen zunächst alle Risikofaktoren, die sich aus der Bilanz bzw. der Gewinn- und Verlustrechnung ableiten lassen. Es handelt sich hierbei um die bekannten  quantitativen Bilanzkennziffern wie Gesamtkapitalrentabilität, Kapitalstruktur oder Nettoverschuldensquote.

Häufig wird auch die in der Vergangenheit beobachtete Kontoführung des Unternehmens innerhalb des Hardfact-Ratings mit herangezogen, wenn die kreditgebende Bank eine der Hauptkontoverbindungen des Unternehmens ist.

Neben den Hardfacts sind „Softfacts“ für die Bonitätseinschätzung wichtige Risikofaktoren, die der erforderlichen quantitativen Messung aber nicht ohne Weiteres zugänglich sind. Häufig handelt es sich um Einschätzungen der Qualität bestimmter Funktionen des Unternehmens – insbesondere des Managements – und der Beziehungen des Unternehmens zu seinem Marktumfeld – insbesondere der Wettbewerbssituation.

Da der Kreditnehmer sich innerhalb einer bestimmten Branche bewegt, haben auch allgemeine, auf alle Unternehmen der betrachteten Branche wirkende Risikofaktoren eine Bedeutung für die individuelle Bonitätseinschätzung. Deshalb enthalten viele bankinterne Ratingsysteme explizit oder implizit eine Beurteilung der Branchensituation – wenn auch nicht unbedingt zur Bestimmung der Ausfallwahrscheinlichkeit, sondern zur Bestimmung einer möglichen Ausfallhöhe.

Ratingnote

Das Ergebnis aller Analysebereiche gibt einen tiefen Einblick in die aktuelle Situation des Unternehmens und seine erwartete Entwicklung. Die einzelnen Risikofaktoren aus den verschiedenen Bereichen werden entsprechend ihrer Bedeutung für die Vorhersage der künftigen Kapitaldienstfähigkeit unterschiedlich stark gewichtet und über eine Ratingfunktion zu einer Kennziffer verdichtet.

Typischerweise werden die Werte zu Intervallen zusammengefasst. Auf diese Weise erhält man Ratingklassen bzw. Ratingnoten. Diesen wird die mittlere Ausfallwahrscheinlichkeit der jeweiligen Klasse zugeordnet.

Backtesting


Ausschlaggebend für ein basel-konformes Rating ist nicht, welche Risikofaktorgruppen wie gewichtet werden. Entscheidend ist vielmehr, dass das System die Kreditnehmer möglichst trennscharf einstuft, d.h. mögliche Kundenausfälle mit genügend zeitlichem Vorlauf zufriedenstellend prognostiziert.

Um die Qualität des Ratingsystems zu prüfen, wird seine Prognosekraft gegen die maßgeblichen eigenen historischen Erfahrungen mit den Kreditnehmern getestet – das sogenannte Backtesting. Dieses Backtesting weist insgesamt darauf hin, dass eine stärkere Gewichtung der Hardfacts zu einer trennschärferen Prognose führt. Es belegt auch, dass der oft und zu unrecht kritisierte „Blick in den Rückspiegel“ durchaus einen Sinn hat.

Aussagekraft der Ratingsysteme wird von BaFin geprüft

Die Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Ratingsysteme wird durch die Bankenaufsicht anhand strenger Anforderungen geprüft, vor allem für die Banken, die den IRB-Ansatz verwenden. So müssen die den internen Ratingansatz nutzenden Banken der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) gegenüber nachweisen, dass ihre Ratingsysteme eine aussagekräftige Bewertung der Kreditnehmer sowie eine genaue und in sich schlüssige Risikoeinschätzung ermöglichen. Im Einzelnen ist vorgeschrieben, dass Banken alle relevanten quantitativen und qualitativen Daten über die Kreditnehmer berücksichtigen sollen.

Daneben wird besonderen Wert auf die Überwachung und Validierung der Ratingsysteme gelegt. Banken müssen über einen regelmäßigen Validierungsturnus verfügen, in dem die Vorhersagegenauigkeit und Stabilität im Vergleich zu den tatsächlichen Ergebnissen überprüft wird.

Außerdem sind die Banken verpflichtet, die Qualität ihrer Ratingsysteme sowie ihre adäquate Anwendung regelmäßig von der Innenrevision oder von externen Wirtschaftsprüfern überprüfen zu lassen.

Unterschiedliche bankinterne Ratingsysteme

Typischerweise differieren die bankinternen Ratingsysteme bezüglich der Zahl der verwendeten Ratingklassen. Als aufsichtsrechtliche Vorgabe müssen mindestens sieben Klassen für nicht not-leidende beziehungsweise nicht zweifelhafte Kredite sowie eine Klasse für notleidende oder zweifelhafte Kredite vorgesehen werden.

In der Praxis wird häufig mit einer höheren Zahl an Klassen gearbeitet. So sind 15 bis 25 Klassen im Ratingsystem einer Bank durchaus üblich. Diese Situation erschwert die Vergleichbarkeit der Ratingeinstufungen über verschiedene Banken hinweg. Note 3 bei einer Bank kann in der Regel nicht mit der Note 3 bei einer anderen Bank verglichen werden.

Die in der „Initiative Finanzstandort Deutschland (IFD)" zusammengeschlossenen Banken und Institutionen haben aus diesem Grund eine Standard-IFD-Ratingskala mit sechs Ratingklassen entwickelt, die dadurch eindeutig definiert ist, dass jeder Ratingstufe ein Intervall von Ausfallwahrscheinlichkeiten zugeordnet wurde. Zur Erhöhung der Vergleichbarkeit sollte die Bank dem Kunden seine Ratingnote entsprechend der IFD-Skala und der bankinternen Ratingskala mitteilen. Die angestrebte Vergleichbarkeit setzt allerdings voraus, dass den jeweiligen Kreditanfragen bei verschiedenen Banken eine identische Besicherungssituation zugrunde liegt.

Rating im Wettbewerb

Erhält ein Unternehmer von verschiedenen Banken unterschiedliche IFD-Ratingnoten, so kann dies mehrere Gründe haben. Ein wichtiger Grund kann sein, dass den Banken über das Unternehmen unterschiedliche Informationen vorliegen. Es ist auch möglich, dass die Banken unterschiedlich dazu in der Lage sind, die vorhandenen Informationen auszuwerten. Schließlich unterscheiden sich die bankinternen Ratingverfahren im Detail.

Ratingsysteme sind für die Banken ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Ein gutes Ratingsystem, also ein System, das die Bonität des Kunden so genau wie möglich schätzt, spart entweder vermeidbare Wertberichtungen oder eröffnet neue Ertragsmöglichkeiten durch richtige Kreditzusagen. Deshalb haben Kreditinstitute ein hohes Interesse daran, einerseits ihre Systeme passgenau weiterzuentwickeln. Andererseits möchten wir weder gegenüber den Kunden noch gegenüber den Wettbewerbern die Systeme im Detail offenlegen. Eine Folge ist aber eben auch, dass Ratingsysteme im Detail unterschiedlich sind.

Änderung der Ratingformel

Von Unternehmensseite wurde in den letzten Monaten vorgeschlagen, die „Ratingformel" zu verändern und von dem bei den privaten Banken vorwiegend genutzten „Point-in-time-Rating“ (PIT-Rating) auf ein „Through-the-Cycle-Rating“ (TTC-Rating) – also von der Zeitpunktbetrachtung auf eine Zeitraumbetrachtung – überzugehen.

Einem solchen Vorschlag stehen wir skeptisch gegenüber – aus einem einfachen Grund: Der Ratingvorgang soll zukunftsgerichtet sein, d.h. es soll eine Prognose über die erwartete Kreditwürdigkeit des Kreditnehmers abgeben.

Ein noch weiter zurückreichender Blick in die Vergangenheit ist hierfür wenig hilfreich, weil die Prognosekraft der Historie für die Zukunft, je weiter man zurückgeht, immer stärker abnimmt. In einem sich schnell ändernden Unternehmensumfeld hängt ein zukünftiger Geschäftserfolg kaum in bedeutenden Umfang davon ab, wie eine wirtschaftliche Lage vor fünf Jahren war.

Zudem mag eine über einen längeren Zeitablauf gemittelte Bonitätsrate zwar die Ergebnisse glätten und damit – positive wie negative – Ausschläge vermindern. Das tatsächliche Risiko zum heutigen Zeitpunkt wird dadurch aber nicht geringer!

Banken dürfen die Augen nicht verschließen vor der aktuellen und kurzfristig zu erwartenden Lage, also vor der ökonomischen Realität – gerade dann, wenn von einer erhöhten Insolvenzgefährdung auszugehen ist. Alles andere wäre unverantwortliche Kreditvergabepolitik bzw. mangelhaftes bankinternes Risikomanagement.

Ein Umsteigen auf Durchschnittsverfahren scheint also bei der Bonitätsbetrachtung nicht sinnvoll, auch weil dies zeitgenaue Impulse für die interne Risikosteuerung verhindern würde – zum Beispiel die Einleitung von Sanierungsmaßnahmen, wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten kommt. Dies ist weder im Interesse des Kreditnehmers noch der Bank.

Kreditvergabeprozess

Rating ist nur ein Bestandteil im Kreditvergabeprozess und nicht allein ausschlaggebend. Unzureichende Bonität kann – eingeschränkt – durch verstärkte Sicherheiten kompensiert werden. Gute Zukunftsperspektiven oder eine einmalige Ausnahmesituation können Gründe für ein sogenanntes Overruling sein, also die manuelle, allerdings auch streng kontrollierte Veränderung der Ratingnote.

Und letztlich ist dann vieles auch eine Frage des Preises: Die Ratingnote bestimmt maßgeblich den Kreditzins. Ist der Kunde bereit, das durch eine schlechtere Ratingnote angezeigte Risiko der Bank zu entgelten, kann eine Kreditvergabe auch bei schlechterer Bonität möglich sein.

Regulierungs- und Aufsichtsrahmen

Erlauben Sie mir an dieser Stelle einen Einschub: Wie eben dargelegt, besteht für die IRBA-Banken ein direkter Zusammenhang zwischen dem Rating der Kreditnehmer und der für die Kredite erforderlichen Eigenkapitalunterlegung – also den Basel II-Regeln. Die Erfahrungen der Finanzkrise haben nun gezeigt, dass das Regelwerk von Basel II einige Schwächen aufweist.

Dennoch gilt: Der Bankenverband befürwortet trotz der notwendigen Überarbeitung – Basel II. Ohne dieses Regelwerk könnte das Finanzsystem nicht stabil gehalten werden. Wir lehnen deshalb eine grundsätzliche Infragestellung oder ein Aussetzen von Basel II ganz entschieden ab.

Auf zum Beispiel die Eigenkapitalunterlegung im Handelsbuch oder – generell – auf Bemühungen, die Widerstandsfähigkeit sowohl einzelner Finanzinstitute als auch die des Finanzsystems insgesamt zu stärken und die Anreizstrukturen stabilitätskonform zu gestalten, will ich hier aus Zeitgründen nicht eingehen. Sie sind notwendig und haben im Prinzip unsere Unterstützung.

Eins sollte jedoch klar sein: Veränderungen der Eigenkapitalvorschriften – auch unter Stabilitätsaspekten – haben Auswirkungen auf das Geschäft – in unserem Fall auf das Unternehmenskreditgeschäft: Je mehr Eigenkapital Banken vorhalten müssen, desto schwieriger wird der Kreditzugang und desto teurer wird tendenziell der Kredit. Um es salopp zu sagen: Das System ist am stabilsten, wenn Kredite mit 100 % Eigenkapital unterlegt werden. Dann gibt es nur wahrscheinlich keinen Kredit mehr.

 

II. Aktuelle Lage der Kreditfinanzierung

 

Zurück zum Rating. Ich möchte meine Beschreibung des Ratings und der Ratingverfahren mit vier kurzen Bemerkungen an der aktuellen Situation spiegeln.

1. Eigenkapitalausstattung

Eine Situation, in der Eigenkapital limitierend für die Kreditvergabe ist, haben wir nicht. Die deutsche Kreditwirtschaft ist ausreichend kapitalisiert. Die privaten Banken können unter Eigenkapitalaspekten derzeit ihr Kreditgeschäft problemlos ausweiten. Von daher wehren wir uns weiterhin gegen den oft verwendeten Begriff „Kreditklemme“, der eine angebotsseitige Beschränkung der Kreditvergabe, zum Beispiel durch fehlendes Eigenkapital, bedeutet.

Eine solche Situation der angebotsseitigen Verknappung besteht heute nicht, ist aber für die nächsten Quartale nicht ganz auszuschließen. Steigende Wertberechtigungen, ein zunehmender Eigenkapitalbedarf bei den IRBA-Banken durch sinkende Bonitäten und erhöhte regulatorische Anforderungen könnten Eigenkapital zu einem Engpass machen – auch wenn dies nicht unser Basiszenario ist.

2. Rückgang der Kreditbestände

Unsere derzeit insgesamt noch nicht allzu negative Einschätzung der Situation heißt natürlich nicht, dass wir die Augen verschließen vor den teilweise erheblichen Finanzierungsproblemen vieler Unternehmen und bestimmter Branchen. Bei einem Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung um 5 % im letzten Jahr, der sich zudem auf wenige Branchen konzentriert, wäre es auch verwunderlich, wenn nicht Schwierigkeiten bestünden. So ist es folgerichtig, dass der Kreditbestand im 4. Quartal 2009 zurückgegangen ist.

Insgesamt aber beweisen die deutschen Unternehmen bisher eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit in der Krise. Das Inkrafttreten von Basel II haben viele Firmen seinerzeit zum Anlass genommen, ihre eigene Finanzierungs- und Bilanzstruktur unter die Lupe zu nehmen. Unterstützt durch die günstigere konjunkturelle Lage der vergangenen Jahre sind mittelständische Unternehmen auch bei der Eigenkapitalbildung in den letzten Jahren ein gutes Stück vorangekommen.

Davon profitieren sie heute. Im Jahre 2009 führten jedoch deutliche Umsatzrückgänge zu operativen Verlusten, die die Bilanzverhältnisse schwächen. Laut einer aktuellen DIHK-Umfrage ist die Finanzierungssituation vieler Unternehmen deshalb weiterhin angespannt. Am schwierigsten stellt sich die Finanzierungssituation bei kleinen und mittelständischen Unternehmen dar; Entspannung gibt es hingegen bei den Großunternehmen – sicherlich in Folge eines wieder funktionsfähigen Kapitalmarktzugangs.

Als Branchen mit besonders schwierigen Finanzierungsbedingungen werden die Investitionsgüterindustrie, der Maschinen- und Fahrzeugbau, die Metallindustrie sowie die Leasingbranche genannt – Branchen mit einem überdurchschnittlichen Anteil der privaten Banken. Das erklärt den besonders großen Rückgang der Kreditbestände bei den privaten Banken.

3. Insolvenzen und Vergabestandards

Für das Jahr 2010 rechnen wir damit, dass die Zahl der Insolvenzen aufgrund der weiterhin schwierigen gesamtwirtschaftlichen Situation zunehmen wird. Das hat auch erhebliche Folgen für die Banken. Gerade in der jetzigen Situation müssen sie darauf achten, dass aus den Krediten von heute nicht die Abschreibungen von morgen werden.

Die Kreditvergabestandards haben sich bezogen auf die jeweilige Bonitätslage nicht geändert. Allerdings befinden sich heute mehr Kreditnachfrager in schlechteren Ratingklassen und teilweise sogar unter der Mindestbonitätsgrenze.

Die Verschärfung der Kreditvergabebedingungen, die alle Umfragen der letzten Quartale gezeigt haben, muss vor diesem Hintergrund gesehen werden und ist eine natürliche, ja betriebswirtschaftlich zwingend notwendige Reaktion der Banken in der Krise. Eine „Aufweichung“ der Kreditvergabestandards wäre aber gerade nach den Erfahrungen der Finanzkrise fahrlässig und sollte auch von Seiten der Politik daher nicht gefordert werden.

Um eine durch die Ratingsysteme angezeigte Bonitätsverschlechterung zumindest teilweise zu kompensieren und die Kreditkonditionen nicht zu stark steigen zu lassen, kann es erforderlich sein, dass Kunden mehr Sicherheiten vorweisen müssen. Auch dies wird als Verschärfung der Kreditvergabebedingungen empfunden, ist aber letztlich ebenfalls eine notwendige Reaktion der Kreditwirtschaft in der Rezession.

Trotz des schärfsten Wirtschaftseinbruchs in der Geschichte der Bundesrepublik – davor war der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,9 % in der Ölpreiskrise von 1975 der schärfste – haben die berichteten Verschärfungen der Kreditvergabestandards nicht das Niveau der letzten Rezession der Jahre 2002 und 2003 erreicht. Vielleicht ist auch das ein Beleg für die Zielgenauigkeit und Treffsicherheit der heutigen Ratingsysteme.

4. Risikoprämien

Eine normale Entwicklung einer wirtschaftlichen Krise ist die Verschlechterung der Bonitäten der Kreditnehmer. Dies zeigen heutige Ratingsysteme schnell und deutlich an. Für die Banken steigen die Risikokosten, für die Kunden die zu bezahlenden Risikoprämien.

Genau dies ist in den letzten Monaten passiert. Die Kreditinstitute haben versucht, höhere Margen im Kreditgeschäft durchzusetzen – oft erfolgreich. Das hat aufgrund der deutlich gesunkenen Refinanzierungskosten aber nicht zu einer Steigerung der Kreditnehmerzinsen geführt. Im Gegenteil: Die Zinsen befinden sich auf einem historisch niedrigen Niveau.

Soviel zur Wirkung der Ratingsysteme in der aktuellen Situation, die durch Chancen und Risiken gekennzeichnet ist. Doch auch wenn sich das wirtschaftliche Umfeld allmählich beruhigt, stehen uns die eigentlichen Herausforderungen noch bevor. Vor diesem Hintergrund könnte sich 2010 als das wichtigste Jahr für die Überwindung der Krise erweisen. Rating und Ratingkommunikation – mein nächstes Thema – können dafür einen wichtigen Beitrag leisten.

 

III. Kunde-Bank-Beziehung

 

Neben der Frage, welche konkrete Aufwirkungen die Ratingsysteme in der aktuellen wirtschaftlichen Situation haben, tritt nämlich ein Aspekt, der langfristig wirkt und deshalb vielleicht noch bedeutender ist: Die flächendeckende Einführung von mathematisch-statisch gestützten Ratingverfahren hat zu einer Veränderung der Kunde-Bank-Beziehung geführt. Lassen Sie mich das an zwei Beispielen verdeutlichen und dabei auch den Beitrag des Ratings bei der Lösung der Krisenherausforderungen aufzeigen.

Rating-Kommunikation

Rating ist anstrengend – für die Bank wie für den Kunden. Mehr Daten müssen vom Kunden zusammengetragen und aufbereitet, von der Bank erfasst und bewertet werden. Die Bank fragt nach Strategien, nach Märkten und nach Planungen. Unternehmensdaten müssen schneller aufbereitet und regelmäßig – vielleicht sogar testiert – geliefert werden.

Gespräche finden regelmäßig statt und sind anspruchsvoller, gehen mehr in die Tiefe der Prozesse – auf beiden Seiten des Tisches.

Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie sich auf die „Ratingkultur" einstellen müssen, um Zugang zu Krediten zu haben. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen sind das Herausforderungen, die oft bisher unbekannt waren, die auch nicht im Fokus der eigenen Kernkompetenzen und der eigenen Interessen liegen.

So verwundert es nicht, dass in der KfW-Unternehmensumfrage 2009 rund ein Drittel aller Umfrageteilnehmer angaben, entweder nicht intern geratet worden zu sein oder nicht zu wissen, ob ihr Kreditinstitut ein Rating vorgenommen hat. Etwa vier Fünftel aller befragten Unternehmen, die wissen, dass sie geratet wurden, sind über die Kriterien informiert. Welche Ratingnote sie erhalten haben, wissen 80 % der gerateten Unternehmen. Dass noch immer fast ein Fünftel der Unternehmen seine Note nicht kennt, liegt in allererster Linie daran, dass sie sich nicht erkundigt haben, so die KfW.

Dabei sind Rating und das Ratinggespräch Chancen, die die Unternehmen nicht einfach liegen lassen sollten. Das Rating gibt Möglichkeit, Schwachstellen im eigenen Unternehmen zu erkennen und gezielt Verbesserungen in Angriff zu nehmen.

Verstanden als Beratung und Dienstleistung der Bank bietet es eine differenzierte Analyse der wichtigsten Erfolgskennzahlen und der wichtigsten Erfolgsfaktoren des Unternehmens. Insofern können die Ratingergebnisse der Unternehmensführung Anregungen geben und Unterstützung leisten bei der Daueraufgabe der Sicherung und Verbesserung der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.

Ein gutes Ratingergebnis verschafft dem Unternehmen zudem Finanzierungsvorteile. Rating gibt umgekehrt auch bonitätsmäßig schlechteren Unternehmen die Chance, überhaupt Kredite zu bekommen. Durch Ratinsysteme können Banken die Risiken genauer erkennen und preislich erfassen, was früher so nicht möglich war.

Die Unternehmen müssen also die Chance nutzen, durch eine gute Finanzkommunikation sich der Bank besser zu erklären, die Bank in die Lage zu versetzen, das Unternehmen und den Kreditwunsch besser zu beurteilen.

Die Grenze zwischen der Annahme und der Ablehnung eines Kreditwunsches kann durch gute Kommunikation verschoben werden – wobei klar ist: Auch eine noch so gute Finanzkommunikation macht aus einem Sanierungsfall keinen Highflyer.

Kommunikation – um das auch deutlich zu sagen – darf keine Einbahnstraße sein. Auch wir Banken sind gefordert. Noch genauer als in der Vergangenheit müssen wir sowohl über das Ratingergebnis als auch darüber, wie dieses Ergebnis zustande gekommen ist, informieren. Der Kunde erwartet zu Recht plausible, nachvollziehbare Begründung unserer Einschätzung.

Eine entsprechende Selbstverpflichtung haben die Verbände der Kreditwirtschaft abgegeben – sie wird nach unseren Umfragen auch weitgehend umgesetzt. Sollten im Einzelfall Probleme bestehen, müssen diese konkret adressiert werden.

Preisstellung im Kreditgeschäft

Ich komme zum letzten Punkt meines Vortrags und damit zurück zum Thema „Bepreisung“.

Der Kreditzins – soviel sei in der gebotenen Kürze in Erinnerung gerufen – setzt sich gedanklich aus vier Komponenten zusammen. Die Verwaltungs- und Vertriebskosten sowie die Einstandskosten – bei Banken also die Kosten der Refinanzierung – sind schnell erklärt, weil sie mit Kostenbestandteilen der kreditnehmenden Wirtschaft vergleichbar sind. Auch kann jeder Unternehmer die leidvollen Diskussionen nachvollziehen, ob solche Kostenveränderungen dort in der konkreten Kundenbeziehung tatsächlich durchsetzbar sind.

Etwas anders verhält es sich mit den Risikokosten, die sich direkt aus dem Rating ergeben. Dazu ein Beispiel. Eine Bank vergibt 100 Kredite über 1.000 €, die jeweils eine 3 %ige Ausfallwahrscheinlichkeit haben. Im Falle eines Ausfalls sei die Bank mit 50 % wertbeständig besichert. Das bedeutet, dass wahrscheinlich im nächsten Jahr drei Kredite mit einem Gesamtverlust von 1.500 € ausfallen werden. Die Bank wird versuchen, diese Risikokosten auf die Kreditnehmer umzuwälzen – im Durchschnitt macht dies 1,5 % der Kreditsumme.

Dies deckt die erwarteten Verluste, die das Rating hat kalkulieren können. Für unerwartete Verluste muss das Eigenkapital haften. Auch für dessen Verzinsung muss der Kreditzins etwas abwerfen.

In unserem Fall – einen durchschnittlichen BB-Portfolio – ist bei IRBA-Banken eine Eigenkapitalunterlegung von rund 100.000 € erforderlich. Bei einer Eigenkapitalverzinsung von 10 % vor Steuern ist das ein weiterer Prozentpunkt des Kreditzinses.

Rating und Ausfallwahrscheinlichkeiten sind also nicht irgendwelche Zahlen, die die Bank „mal so“ ausrechnet. Sie konkretisieren sich Jahr um Jahr in Bankbilanzen und der Aufwandsrechnung. Keine Bank kann es sich leisten, dauerhaft die Risikokosten nicht zu verdienen. Ich komme zurück auf das Beispiel: Eine Bankenmarge von 2,5 % ist für Risikokosten und Eigenkapitalverzinsung heute noch immer sehr anspruchsvoll und vielfach nicht erreichbar. Wenn Eigenkapital aber nicht angemessen verzinst werden kann, erodiert Kapitalbasis.

Risikoadäquate Konditionen durchzusetzen, ist also eine unabdingbare Voraussetzung, damit eine Bank dauerhaft stabil ist und damit ihren Kunden auch über einen langen Zeitraum als Finanzierungspartner zur Verfügung stehen kann. Dies müssen wir gerade auch als eine der wichtigen Lehren aus der Krise ins Bewusstsein rücken.

 

IV. Schluss

 

Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich zum Schluss zusammenfassen:

1. Mathematisch-statistische Ratingmethoden sind ein großer Fortschritt in der bankbetrieblichen Risikomessung. Allem Spott zum Trotz: Diese Verfahren sind genauer und leistungsfähiger als das angeblich gute, alte Bauchgefühl. Die Risikomessung der Banken ist durch Basel II treffsicherer geworden.

2. Rating ist nur ein Teil des Kreditvergabeprozesses. Weder kann ein – notwendigerweise standardisiertes – Rating alle Umstände des Einzelfalls erfassen, noch ist mit dem Ratingprozess die Kreditentscheidung getroffen. Letztlich hängt die Kreditentscheidung nicht am Rating allein, sondern auch an den Sicherheiten, den Perspektiven des Unternehmens und dem Zinssatz, den das Unternehmen zu zahlen bereit ist.

3. In der Krise sind die Ratingsysteme besonders gefordert. Für viele Unternehmen hat das Jahr 2009 einen schweren Einbruch gebracht. Dies adäquat zu erfassen, ist eine große Aufgabe, der sich jedes Kreditinstitut stellen muss. Eine Lösung liegt sicherlich nicht darin, einfach den Durchschnitt aus guten Jahren mit dem Krisenjahr 2009 zu bilden.

4. Aktuell spricht nichts dafür, dass Ratingsysteme in der Krise die Kreditvergabe einschränken. Die im 4. Quartal des letzten Jahres zurückgehenden Kreditbestände sind auf Nachfragerückgänge – insbesondere im kurzfristigen Bereich – zurückzuführen, aber nicht auf restriktive Ratingverfahren.

5. Rating ermöglicht eine enge Kommunikation zwischen Kunden und Bank. Diese Kommunikation darf keine Einbahnstraße sein. Wir Banken sind gefordert, direkt und offen auf die Unternehmen zuzugehen, Schwächen zu benennen und Verbesserungspotenziale aufzuzeigen. Nur so können sich die Unternehmen verbessern. Umgekehrt müssen sich die Unternehmen auf den Prozess einlassen und ihrerseits notwendige Informationen bereitstellen.

6. Das Rating liefert die notwendigen Informationen, zu einer risikogerechten Bepreisung im Kreditgeschäft zu kommen. Die Frage, ob eine solche risikogerechte Bepreisung langfristig möglich ist – und das heißt: Auch von den Kunden akzeptiert wird – ist für die Zukunft der Unternehmensfinanzierung in Deutschland entscheidend. Eine risikogerechte Bepreisung von Krediten liegt nicht nur im Interesse der Kreditwirtschaft, sondern letztlich auch im Interesse der Unternehmenskunden.

Schluss

Ich hoffe, Ihnen hiermit einen kleinen Einblick in das Rating der Banken – und auch in die Denk- und Arbeitsweise der Kreditwirtschaft – gegeben zu haben. Damit will ich auch die übergreifende Frage des 12. KfW-Symposiums beantworten: Aus meiner Sicht kann das Rating in der Tat die Startrampe für den Aufschwung sein. Voraussetzung ist allerdings, dass wir – Kunden wie Banken – das Rating und die Ratingprozesse richtig kennen und richtig nutzen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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